Sexpositivpartys versus Möchtegern

Heimlicher Blick

Sexpositivpartys in Berlin. Das klingt für mich wie Sojalatte mit Stevia. Irgendwie unromantisch neu und gesund und vor allem nicht genussvoll. Ich habe mir auch den passenden Bericht auf rbbonline dazu angehört und meine Abneigung gegen diese offen beliebige Normalität wuchs.

„Probiere doch mal was altbekanntes, geh in einen Swingerclub“ meinte ein Freund, dem ich voller Erschrecken davon erzählte. „Ich liebe ja diese frivolen Burlesqueveranstaltungen, die eine so schön verruchte Atmosphäre haben, offen und geheimnisvoll zugleich. Voll schöner Lust und wunderbarer Klamotten. Da kann man Dame sein und unantastbar, es ist gesittet elegant und gleichzeitig unanständig wild. Da trinkt man hemmungslos Absinth und die Augen können nicht schwarz genug umrändert sein.“ Es gibt leider zu wenig von diesen Dingen im modernen Berlin, viele sind auch einfach nur überzogen, kommerziell und nur wenig erinnert an die verrückten 20iger Jahre.

„Komm einfach mit, schau es Dir an. Es ist wunderbar intim und es sind nette Leute da. Einfach nur mal hingehen, nix weiter.“ Ich ging mutig mit, ich war neugierig. Meine so herrlichen Kleidchen aus den 20igern blieben also im Schrank und ich zog mir das hauchdünne Schwarze über, das man besser nicht im Job tragen sollte. „Ich werde auf dich aufpassen müssen“ sagte meine Begleitung. „Ohh, na darum bitte ich aber.“

Wir gingen ins „Möchtegern„, einer kleinen Bar in Charlottenburg, es war Samstag, wenige Minuten nach Mitternacht. Außen völlig unscheinbar erinnert nur die Klingel und das Guckloch, dass es doch nicht so harmlos sein kann. Ein hübsches Gesicht schaut hindurch „Kommt rein, herzlich willkommen.“ Schummeriges Licht, eine schöne warme Luft, neugierige Augen und leise Gespräche. Gläser klirren und auf einem roten Sofa eine beleibte schöne Frau mit einem Herrn in inniger Umarmung. Keine nackten wollüstigen Körper, das entspannt mich schon ein wenig. „Kein Ausziehzwang“ habe ich auf der Website gelesen „Flirten, Sex oder seinem Exhibitionismus freien Lauf lassen – oder auch einfach nur philosophieren.“ steht da. Nun, zum philosophieren habe ich wirklich keine Lust. Aber man weiß ja nie.

Unsere Jacken und Taschen verstauen wir in den kleinen Schließfächern. Der Mann an meiner Seite trägt schwarze Lederhosen und ein durchsichtiges Shirt. Sieht verdammt gut aus. Männlich. Auch oder gerade mit etwas über 50. Das Publikum um uns herum ist eher in einem gleichen Alter, viel südländische Leidenschaft ist dabei. Wir bestellen an der Bar stehend einen Aperol Sprizz und lauschen schweigend der Musik. Kein Techno, kein Spotify Wochenmix. Gut gewählt. „Du zeigst ihr alles, wenn Du magst“ sagt das hübsche Gesicht zu meiner Begleitung. Es scheint nicht sein erster Besuch hier zu sein. „Bleib entspannt, wir machen, was Du möchtest.“ Gut so, ich bin jetzt wirklich etwas unsicher. Was gibt es hier noch? Die bis eben einsam im roten Sessel sitzende südländische Leidenschaft steht auf und stellt sich neben uns, prostet uns zu. „Oh, ich denke, die Frau in diesem Kleid ist genau sein Ding!“ Ganz vorsichtig luge ich hinter seiner breiten Brust hervor. „Hmmm….“. Und nein … es ist kein unsicheres „Hmmm…“.

Neben uns ein Mann und eine Frau, die über Gott und die Welt sprechen, ihre Hand fasst ihn immer wieder an. Er reagiert eher nicht. Zwei Herren beim Bier scheinen ernsthaft die Welt retten zu wollen und eine aparte Blonde genießt die hingebungsvollen, lüsternen Blicke der drei sie umstehenden Herren. Sie fühlt sich wohl, man sieht es. Nicht lange und alle verschwinden hinter dem samtroten Vorhang. „Was ist dort?“ „Wollen wir schauen?“

Ein Gang, noch mehr Sofas, eine Liege für eindeutig erotische Spiele, ein dunkel verhangener Raum auf der rechten Seite. Ich schiebe den Vorhang beiseite und sehr die aparte Blondine fast nackt kniend auf einem der Männer. Die beiden anderen schauen sichtlich erregt zu, wie sie sich über ihm bewegt. Sie hat eindeutig die Macht. Über alle drei. Das gefällt mir, es ist ein schönes Spiel, dass sie treibt. Voller Begehrlichkeit und hemmungslos und doch besitzergreifend. Aus dem Dunkel spricht mich ein kindliches Gesicht an. „Oh, sie ist wunderbar. Ich möchte einfach immer nur schauen.“ Ja, es ist ein wunderbarer Anblick. Ich lasse mich fallen in diesen Moment, er lässt die Zeit stehen bleiben.

Wir verlassen den schönen Augenblick und setzen uns auf die kleine Empore. Erregtes Stöhnen höre ich und das Klatschen von Haut auf Haut. Normale Geräusch offensichtlich hier. Es verwirrt mich ein wenig. Der schöne südländische Körper gesellt sich zu uns und dem Aperol Sprizz. Still sitzt er da und schaut mich einfach nur an… „Warum bist Du hier?“ frage ich. „Wegen Momenten wie diesem.“ Stille. „Man trifft hier so viele. Die Einsamen, die Lust suchenden, die Pärchen, die einen neuen Kick brauchen. Schöne Frauen und ihre Geschichten.“

Es wird eine lange und lustvolle und philosophische Nacht auf der kleinen Empore. Und es werden auch noch ein paar Aperol Sprizz mehr, die das hübsche Gesicht uns bringt.

 

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