Die Show „Lokalrunde“, weil Seide und Walkloden eben doch zusammenpassen

Voll war es in der Gallery Central zur schönen Show "Lokalrunde"
Voll war es in der Gallery Central zur schönen Show "Lokalrunde"

Zwei Stunden vor dem ausgewiesenen Beginn der Show „Lokalrunde“ saß ich gemütlich auf Eva’s Sofa in Friedrichshain und unterstütze kritisch ihre Suche nach einem passenden Kleid. Ein passendes Vorbereitungsgetränk wurde mir serviert: Obstwein aus Mirabelle und Kirsche. Ich konnte kein anderes Kleid mehr wählen, ich trug bereits eines in sehr kurz aber hochgeschlossen und mit einem grafischen Muster in Grün/Schwarz/Weiß.

15 Minuten vor Beginn der Veranstaltung zogen wir los und bereits 10 Minuten später zogen wir schwer an der Glastür der Gallery Central am Strausberger Platz. Ich muss diesen Umstand betonen, da doch hinter der Tür der Geldkassierer stand und uns einfach nur zuschaute bei unseren Bemühungen. Ich konnte es nicht lassen, ich habe ihn ermahnt.

Das geneigte Publikum war zahlreich anwesend, die 50 aufgestellten Stühle waren bereits besetzt und noch nicht jeder der Anwesenden hatte einen Platz gefunden.

Gallery Central

Das langgestreckte und mit hohen Decken gesegnete Ladenlokal am Strausberger Platz zeigt und verkauft Möbel und dekorative Objekte aus der DDR.

Ich umgehe besser die leidvolle Diskussion, warum wir jetzt so vieles englisch benennen und sage einfach: die Gallery Central zeigt, dass es in der DDR tatsächlich sehr ästhetische Möbel gab. Insbesondere die in Hellerau gefertigten liebe ich sehr. Sie produzieren in mir diese vergnüglichen Erinnerungen an Kind sein, an Grießbrei mit rotem Sirup und an den Wohnzimmerschrank meiner Oma. Hinter seiner nach vorn sich öffnenden Klappe verbargen sich stets Süßigkeiten aus dem Westen, gleich daneben fand sich fast immer eine Flasche Eierlikör. In den schmalen oberen Ablagen standen Unmengen kleiner Gläser in unterschiedlichen Formen und für undenkbar viele Gelegenheiten. Einen Riesenschwenker für den Burgunder gab es nicht, wahrscheinlich lag es am fehlenden Burgunder.

Die mittlerweile selten gewordenen Möbel und Objekte müssen eine riesige Fangemeinde haben, wenn es stimmt, dass die Nachfrage den Preis reguliert. Und nein, es lohnt den Gedanken nicht, dass man nach 1990 in Erwartung des nun Kommenden das Alte oft zu schnell und vor allem gedankenlos abgestoßen hat.

Ich persönlich empfinde die Atmosphäre in der Gallery Central etwas kühl und meine Kindheitsgedanken wollen sich nicht mit den hohen Preisen auf den Objekten anfreunden. Schön, dass der Schrank meiner Oma nicht hier stehen und sich den neugierigen Blicken der Spurensucher aussetzen muss.

Die Show „Lokalrunde“

Wir fanden schließlich einen Platz auf den Treppenstufen neben einem sehr smarten Herrn. Er trug schöne, weinrote Samtschuhe und zeigte ein aufmerksames Interesse an uns beiden. Eva holte noch einen Wein und wir fragten uns, was uns denn der Abend bieten wird. Wir waren dem Tipp eines Freundes gefolgt und der losen Aussage „Wird Euch gefallen …  ist so bisschen wie der Kessel Buntes“. Das Publikum zu dieser Einschätzung passte in jedem Fall, ich beschreibe es einmal als Großteils  DDR sozialisiert. Eva und ich gehören ja auch dazu.

Und ja, es kam wie versprochen, knallbunt und passend angerichtet wie grober Walkloden und rosa Strick: eine echt stimmige Mischung aus Poetry Slam (ganz großartig: Konrad Endler!!!) und Musik (in Wort und Ton) von Ivo Lotion und der Band KREM (KAMMERENSEMBLE MISCHKONSUM) sowie sehr erheiternden Einschüben eher Sinn befreiter Sachen wie einem „Einbeziehende Pädagogik Video“ über das Ausräumen einer Spülmaschine mit zwei Kindern oder auch das Zeigen von Jugendfotos und dem Nachdenken darüber, warum man damals immer den Pullover in die Hose gesteckt hat. Die Interaktion mit dem Publikum war stets präsent und in jedem Moment authentisch, nichts vorhersehbar. Um es kurz zu machen: wir haben so herzlich gelacht, es hat uns wenig nachdenklich gemacht, nicht aufgeregt und  nicht überfordert.

Eines steht zudem fest: einen Entertainer wie den Showmaster Ivo Lotion muss man suchen. Konsequentes Understatement in den Worten und bei seinen Betrachtungen harmlosester Alltagssituationen. Gut, die kurze, breite Krawatte in Rot hat mich gelegentlich verwirrt. Der Kontrast war mir einfach zu heftig.

Ein Polyesterkleid in grell und eine Flasche Kaiserkrone

Die Schnapsflasche mit dem noch nie gehörten Namen Kaiserkrone war ein  Willkommen von Ivo Lotion und kreiste gemeinsam mit einer Rolle Plastikbecher durch die Anwesenden. Als uns die Flasche erreicht, befüllen Eva und ich vorsorglich auch den Becher des netten Nebenmannes mit den weinroten Schuhen. Er ist sehr dankbar aber der Schnaps schmeckt eher lauwarm muffig. Egal. Er passt in diesem Moment.

Mein umherschauender Blick findet eine Frau in einem Kleid, das dem meinen in Hochgeschlossenheit und Kürze gleicht und doch so ganz anders wirkt. Es glitzert bunt in Pink und Blau und Lila, ein Wellenmuster, das beim Hinschauen schon wirr macht. An einigen Stellen ist es kaputt, man kann hier ein Stück Haut und da die hellblaue Strumpfhose sehen. Ihre Haare sind rot und wild und sie lacht und umarmt hier den einen und da die nächste ganz heftig und ungestüm. Ein grellbunter  Schmetterling, faszinierend schön.

Heimweg

Es ist kurz vor Mitternacht und Eva und ich drehen zum Ausklang eine große Runde um den Strausberger Platz. Ja, man kann sagen, dass wir so ein bisschen heftig in den Erinnerungen an unsere Kindheit in der DDR schwelgen. Doch philosophisch oder gar melancholisch werden wir nicht und ich bin froh darum.

 

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