„Kuss“ = Substantiv, „küssen“ = Lebensmotto

Meine Lippen, ein sanfter Kuss
Meine Lippen, ein sanfter Kuss

Um es vorweg zu nehmen: Ich spreche vom Besuch des Sommerfestes des Bröhan Museum mit meinem besonderen Augenmerk auf der Ausstellung „Kuss. Von Rodin bis Bob Dylan“. Unbedingt sehenswert. Meine Freundin Eva war an meiner Seite.

Das Publikum … kein Kuss. Nirgends.

Es ist ein bildungsnahes, kunstorientiertes Publikum, das kann man sehen und fühlen. So ein Geist, der über den diskutierenden Köpfen in oft auffällig eher sehr auffälliger Kleidung schwebt. Von der schmalen Dame mit extremer Kurzhaarfrisur in Grau über edel eng anliegenden Lederhosen, dem Herrn in langmähniger Haartracht im ökologisch korrekt den Körper umhüllenden Gewand bis zu Businessoutfit tragenden Herrschaften. Das so herrlich unkonventionelle romantische Kleid war ein wenig in der Unterzahl, es fehlte mir auch ein wenig, aber das war schon in Ordnung. Eva und ich ließen uns zwischen unseren Ausstellungsbesuchen auf der langen Bank im Innenhof nieder und tranken Kalte Ente zum privaten Diskurs. Normalerweise bin ich eher in der beobachtenden Rolle. An diesem Abend ergab ich mich dem geheimen und vom Herren neben uns auffällig belauschten Gespräch zwischen zwei Freundinnen. Küssende waren in der Unterzahl. Wie schade.

Kuss, Küsse, küssen – Kunst

Die Ausstellung beleuchtet mit einer wunderbaren Bandbreite an Objekten den Kuss mit all seinen Bedeutungen. So gibt es herrlich schöne Darstellungen aus dem Jugendstil, in leuchtenden Farben und den schön geschwungenen Farben. Der Kuss als Ornamentmotiv und heimliche Andeutung. Film- und Veranstaltungsplakate mit den bekannten, Raum greifenden Umarmungen, dezente Küsse auf den Schal der Angebeteten. Die Beleuchtung der Frage, ob der Kuss unter hygienischen Fragestellungen noch berechtigt ist. Sein Einsatz als politisches Statement wie der für mich noch immer unverständliche Kuss zwischen Honecker und Breschnew. Unsicher stellte ich mich auf die Fußumrisse vor einen sezierten Frosch auf einem Sockel und wagte den Kuss nicht. Erotische Küsse in der Betrachtung sich küssender Menschen unterschiedlichster Couleur. Die Bewegung fehlt, mir auch ein wenig im Bild. Eine anbetungswürdige Filmsequenz aus den Anfängen der laufenden Bilder: ein busselndes Pärchen, singend vereint.  Kussmünder auf Papier gebannt, ein weißer Raum, jeder Gegenstand mit ungezählten Kussmündern bedeckt.

Ansehenswert, anregend, auf jeden Fall hingehen!

Die Eroberung des Basteltisches

Eine sehr herzige Idee: Gestalte die Rückseite eines Taschenspiegels oder eines Flaschenöffners oder bastele einfach einen Anstecker. Ich wollte unbedingt den Taschenspiegel und hatte keine Hemmungen, mich zu Schere, Buntpapier und diversen Dekorationselementen zu setzen und zu basteln. Ich nutze jedoch lediglich den knallroten Lippenstift in meiner Handtasche und küsste innig und voller Liebe ein unschuldig weißes Blatt Papier. Meine Freundin Eva hat ein Bild davon gemacht, doch im Nachhinein betrachtet sieht es aus, als sei ich nach komatösen Mengen Absinth mit dem Kopf einfach vornüber auf den Tisch gefallen, das rote Haar wie ein Aufschrei über mich gebreitet. Aber es war mit Liebe und Inbrunst, dass kann ich schwören. In jedem Fall habe ich nun diesen Taschenspiegel mit dem Abdruck meiner blutroten Lippen.

Küsse in meinem Leben

Küsse gehören zu meinem Leben immer und unbedingt dazu. Da sind die Küsse, die man Freundinnen auf die Wange gibt, zur Begrüßung und zum Abschied. Ein Zeichen, dass wir uns mögen und ein Moment der Nähe. Ein Kuss an meinen Friseur für den gelungenen Haarschnitt. Gut, bei ihm sind es immer drei. Rechts, links, rechts. Das macht seine Kultur. Ein Kuss an den Freund, hier eher nur wahlweise rechts oder links, da halte ich mich immer zurück. Menschen, die ich nicht mag, strecke ich gleich die Hand entgegen, um diesen gesellschaftlichen Kuss zu vermeiden, den ich unmöglich finde. Nicht zu verwechseln mit der ausgestreckten herzlichen Hand, die ich Menschen entgegenbringe, vor denen ich Respekt habe und deswegen die körperliche Nähe nicht wage. Küsse an Kinder und Kindeskinder, Mütter und Väter … immer eher etwas rustikal herzlich ausfallend. Und natürlich die erotischen Küsse, doch eine Abhandlung darüber besser und gern später.

Abschied mit Kuss

Eva und ich sind sehr beschwingt und plaudernd die Schl0ßstraße hin zur U2 geschlendert und haben uns irgendwann verabschiedet. Mit den herzlich schönen Küssen, die es nur unter Freundinnen gibt.

Bröhan Museum Berlin, Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus. Schlossstraße 1a, 14059 Berlin

Die Ausstellung der Kuss ist noch bis zum 3. Oktober 2017 zu besichtigen.

 

 

 

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