Gepflegter Umgang zum Jahresempfang der Staatsbibliothek

Eine schöne Art, sein Geld auszugeben: eine Buchpatenschaft bei der Staatsbibliothek zu Berlin.
Eine schöne Art, sein Geld auszugeben: eine Buchpatenschaft bei der Staatsbibliothek zu Berlin.

Wenn die Staatsbibliothek zu Berlin einlädt ….

… dann folgt ein große Zahl an klugen, aufmerksamen, geistvollen und bekannten Köpfen diesem Ruf. Wenn diese Einladung zusätzlich ausgesprochen wird vom Vorstand der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e.V., dann darf ich die Beschreibung „gesellschaftlich aufgeschlossen“ ergänzen.

Der Altersdurchschnitt war recht hoch und dieser Umstand beeinflusste den Abend eher positiv. Nein, ich möchte keine Diskussion beginnen über die Veränderungen im Benehmen unserer Gesellschaft. Die so häufig beobachtete Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit vieler mag dem Überangebot und dem Zwang, sich möglichst effektvoll zu präsentieren, geschuldet sein. Eine Entwicklung, deren Ende derzeit leider nicht erkennbar ist. Ein Abend wie der gestrige entlässt mich mit mehr Zufriedenheit in die Nacht als das aufgedrehte BussiBussi so manch anderer Veranstaltung. Zu beobachten sind dann also ein überaus rücksichtsvolles Benehmen, eine Konzentration auf das Geschehen und eine ausführliche Beschäftigung mit dem Thema selbst, zu erlauschen besonders in den geführten Gesprächen der Gäste untereinander. Weiterhin Handküsse für Frau Generaldirektorin, absolute Ruhe während der Reden und musikalischen Darbietungen, eine subtil geführte Schlacht am kalten Buffet, angemessen elegante Kleidung…

Trotz einiger kleiner Ausrutscher bei der Gesamtorganisation war es ein Abend mit einem schönen Erinnerungswert. Mich persönlich irritiert es nicht mehr, wenn wir 20 Minuten nach der im Programmheft angekündigten Zeit noch immer vor dem Otto-Braun-Saal stehen und die ersten älteren Herrschaften sich bereits auf den Treppen davor niederlassen. Die Verspätung wird dezent leise und unruhig hinterfragt. Das ist schließlich nichts Ungewöhnliches für Berlin, wohl aber für eine Veranstaltung in diesem Rahmen. Weil genau an einem solchen Abend das geladene Publikum pünktlichst erscheint. Und so warteten wir alle brav vor dem Saal auf den Einlass und die Mitarbeiter der Staatsbibliothek bedauern zu Recht die verlorene Zeit. Und wenn ein junger Mann aus Dresden ganz wunderbar auf seinem Cello Sonaten von Bach spielt, dann sollte das doch wenigstens im Programmheft Erwähnung finden. Und ein bisschen mehr Wärme im Raum hätte es auch noch schöner gemacht … aber wie gesagt, das waren Kleinigkeiten.

Alle Religionen sind gleich

Ein Hoch auf den Verfasser der schönen Eröffnungsworte durch Frau Generaldirektorin Schneider-Kempf! Eine wunderbare Rede, herrlich pointiert und mit ungewöhnlicher Stimme variantenreich vorgetragen.  „Bei uns stehen die schriftlichen Zeugnisse der Glaubensgeschichte gleichberechtigt nebeneinander in den Regalen, wir kaufen alles ohne Ansehen an Religion und Glauben.“ Sie spricht über den Anspruch der Staatsbibliothek an deren Neutralität im Kampf für den Erhalt eines gemeinsamen kulturellen Erbes. Sie begrüßt und beglückwünscht, denn es sind honorige Gäste im Saal. Sie berichtet von den Gedanken um die Gestaltung der aktuellen Ausstellung im Reformationsgedenkjahr, von den wirklichen Besonderheiten der Ausstellung trotz in der Vergangenheit unwiederbringlich verlorener Lutherwerke.

„Wir leben in wahrhaft ökumenischen Zeiten und so eröffnet ein Katholik unsere protestantische Ausstellung!“ Der Saal lacht herzlich zu dieser Ankündigung von Frau Generaldirektorin. In der Einladung und auch auf der Videowand im Saal lese ich das Thema des Vortrages „Warum und wie können Katholiken das 500-jährige Reformationsgedenken 2017 mitbegehen?“ Es spricht Kardinal Lehman, ehemaliger Bischof von Mainz. Es ist in jedem Fall eine interessante, jedoch sehr wissenschaftliche und nicht immer so verständliche Abhandlung über die Forschungen und Theorien zur Arbeit Martin Luthers. Als gegen Ende der Rede noch eine sehr aktive Reaktion des Publikums auf eine Aussage Lehmanns erfolgt, fühle ich mich ein wenig beschämt: hätte ich mich besser auf das Thema vorbereiten und somit entsprechend reagieren können? Denn ich gestehe, ich habe vieles nicht verstanden, es war mir einfach zu fremd und auch zu abstrakt. Leider gab es keine wirkliche Antwort auf die in der Einladung gestellte Frage.

Patenschaften gegen Tintenfraß, säurehaltiges Papier, Kriegsschäden und Pilzbefall …

Vor dem Saal präsentieren die Mitarbeiter der Staatsbibliothek an nach Fachbereichen unterteilten Ständen die „notleidenden Schätze“, wie sie André Schmitz in seiner rede liebevoll betitelte, er ist der Vorsitzende des Vereins der Freunde der Staatsbibliothek. Jedes Schätzchen in einem mehr oder weniger schlimmen Zustand. Und jedes trägt einen Zettel bei sich mit der Beschreibung des Werkes, dem geschätzten Preis der notwendigen Restaurierungsarbeiten, der dann wiederum dem Wert der Patenschaft entspricht. Ich sehe eine Ausgabe der Bildergeschichten und Zeichnungen von Wilhelm Busch der Sammlung Wrede, eine prachtvolle Landkarte vom Land der Liebe – leider schon vergeben – , Notenblätter mit handschriftlichen wilden Streichungen und Ergänzungen des Verfassers und eine Schrift von Justus Menius „Von dem Geist der Wiedertäufer“ mit einer Vorrede Martin Luthers.

Wir lauschen der regen Kommunikation zwischen den Mitarbeitern der Staatsbibliothek und dem interessierten Publikum. Voll tiefer Zuneigung scheint es, sind sie für die arg in die Jahre gekommenen Schätze, sie schwärmen von ihren Besonderheiten, ihrer Einzigartigkeit, werben für die Heilung der Gebeutelten. Schon nach kurzer Zeit haben zahlreiche Exemplare den „Patenschaft-Punkt“ anhaften. Schade nur, dass man sich eine solche Patenschaft nicht mit einem anderen Interessierten teilen kann. Die angegebenen Summen gehen oft weit über den 100 € Bereich hinaus und das ist einfach nicht für jeden machbar.

„Bibel, Thesen, Propaganda“. Die Ausstellung

Passend zum Jubiläumsjahr hat die Staatsbibliothek 95 Objekte ausgewählt, die die Geschichte der Reformation erzählen. Naturgemäß handelt es sich bei den Ausstellungsstücken ausschließlich um gedruckte Werke, darunter aber auch wirklich seltene Exponate wie die Plakatdrucke der 95 Thesen aus Nürnberg, Basel und Leipzig oder auch einen Autographen von Luther selbst, der seine kompositorischen Interessen belegt.

Ich gebe zu, dass ich durch die Ausstellung eher mit dem Anspruch gegangen bin, die Schönheit der Objekte selbst zu bewundern. Mit dem Thema selbst habe ich mich nicht zu intensiv auseinandergesetzt. Ich kann ein leichtes Schauern spüren, wenn ich eine originale Handschrift von Johann Sebastian Bach sehe. Dann erklingt in meinen Kopf ganz unweigerlich seine Musik. Es handelt sich zudem um die einzige Kantate, die anlässlich eines Reformationsfestes geschrieben wurde und belegt damit ihr Recht, Teil dieser Ausstellung zu sein. Und beim Betrachten der prächtigen Farben in den handkolorierten Cranach – Bibeln reise ich in meinen Gedanken in das Entstehungsjahr und ich sehe deren Erschaffer vorn über gebeugt und tief versunken in seine Arbeit.

Mit dem Glas Wein in der Beobachterrolle

Vom kalten Buffet war nicht mehr viel übrig, als ich nach meinem Besuch der Bücherstände und der Ausstellung mich auf ein Häppchen freue. Doch Wein ist noch da, rot und weiß und der Sekt vom vergessenen Empfang wird auch angeboten. Ich suche mir einen der wenigen Sitzplätze in der großen Eingangshalle und schaue mich um. Das Haus an der Potsdamer Straße zählt als das größte Werk des deutschen Architekten Hans Scharoun und erfuhr seine Gestalt aus dem Verständnis Scharouns heraus für die dem Haus zugedachte Aufgabe. Es gilt als Referenzobjekt für Bibliotheksbauten. Ich kann es nicht einschätzen, doch die Architektur selbst entspricht so ganz meinem Geschmack.

Von meiner Nachbarin auf dem roten Sitzpolster erfahre ich kleine und unterhaltsame Geschichten zu einzelnen Gästen, die auf ihrem Weg zur Garderobe an uns vorbeikommen. „Schauen Sie mal diesen Herrn da, ein ehemaliger Mitarbeiter und schon seit 25 Jahren in Pension … und trotzdem fehlt er auf keiner der Veranstaltungen.“ Später erzählt sie mir noch von der wechselvollen Geschichte der Staatsbibliothek, besonders in den Nachkriegsjahren. Es sind Geschichten von verschwundenen und wieder gekommenen Büchern, von der Auslagerung nach Marburg, von zwei Häusern im geteilten Berlin, die trotz getrennter Räumlichkeiten nun wieder vereint sind. So viel Wissen verlangt nach einem zweiten Glas Wein und der letzten und einsam daliegenden Laugenstange. 

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Ausstellung „Bibel, Thesen, Propaganda“, 3. Februar bis 2. April 2017

Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz

Haus Potsdamer Straße 33 am Kulturforum, 10785 Berlin

Führungen Sonntag 15 Uhr, Eintritt frei

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