Gedanken im „Le Petit Royal“

Schön klar und doch so warm, meine Farben im "Petit Royal"
Schön klar und doch so warm, meine Farben im "Petit Royal"

„Lass uns ins `Petit Royal`gehen, lass uns gut essen und reden“ sage ich zu Gundula in einem unserer seltenen Telefonate, seit fast vier Monaten haben wir uns nicht gesehen. Zu viel Arbeit auf beiden Seiten und dazu das schnell drehende und mir Übelkeit bereitende Kettenkarussell in meinem Kopf. Es ließ mir keinen Raum für Vergnügungen jedweder Art. Die Empfehlung für das Restaurant kommt von Sara, sie arbeitet dort, wir beide waren einst Kolleginnen im Waldorf Astoria Berlin.

Es regnet, als ich eine halbe Stunde vor der verabredeten Zeit vom Savignyplatz aus kommend durch den eher unspektakulär scheinenden Eingang trete.

Gelassen fühle ich mich, ruhig, irgendwie abgeklärt. Ich habe in den vergangenen Wochen unbeabsichtigt schmerzvolle Erfahrungen ertragen müssen und in selbstzerstörerischer Art und Weise Erkenntnisse aus mir heraus gezwungen. Die Zeit des letzten Treffens mit Gundula ist in meinen Erinnerungen noch eine schönere, doch war auch sie bereits emotional aufgeladen. Eine ungute Überlagerung von Gedankenturbulenzen um meine berufliche und private Gegenwart und Zukunft.

Gleich hinter dem samtroten Vorhang der Eingangstür komme ich an der Bar zu stehen, doch mein Ankommen scheint unbemerkt zu bleiben. Mindestens drei Mitarbeiter plaudern untereinander und mit den wenigen Gästen an der Bar. Der Barkeeper rührt etwas zusammen, das wie Kokoseis im Becher aussieht. Es gibt kein „Guten Abend“, kein Nicken, nichts. Ein Mitarbeiter stürmt an mir vorbei in das nur an einem Tisch in der hinteren Ecke belegte Restaurant. Die Tischdecken strahlen makellos weiß vor ansonsten warmen Farben, im Tafelsilber spiegelt sich ein schönes Licht. „Immer ist da dieser mehr oder weniger kleine  Moment des Unperfekten in meiner so gern perfekten Welt“, denke ich. „Warum nur störe ich mich daran immer so?“ Der Mitarbeiter kommt zurück und nun werde ich auch gefragt. Brav berichte ich von meiner Reservierung und dann kommt auch schon Sara und in dem Moment ist fast alles wieder gut.  

Damals, vor vier Monaten, da wünschte ich mir mehr Halt und mehr Rat und mehr praktische Hilfe von einigen Menschen um mich herum. Jeden einzelnen von ihnen betrachte ich als einen wichtigen Stein einer mir Schutz gebenden, solide und eng um mich herum gebauten Mauer auf festem Grund. „Das bekommst Du eh nicht hin … entscheide Dich mal für einen Weg … Das habe ich Dir gleich gesagt ….“ Immer öfter vergifteten diese Worte die Luft um mich und beschworen einen nicht enden wollenden nasskalten Nebel herauf. Langsam und stet senkte er sich herab, nahm mir die Atemluft.

Sarah hat uns einen Tisch reserviert, wie gemacht für zwei Freundinnen mit einem großen Bedarf an Austausch. Wir sitzen über Eck, für mich die ideale Art, vertraut beieinander und doch mit der nötigen Distanz zu plaudern.

Ich kann mich nicht entscheiden zwischen der Gänseleberpastete mit den rustikalen Le Puy Linsen und der Ente mit Bohnen und Selleriepüree. Das Essen ist harmonisch pur angerichtet und gnadenlos lecker, mehr Worte braucht es nicht. Ich bin auch kein solcher Kenner und kann weder einen Wein beschreiben noch eine Ente aus Bocklemünd in geschmackliche Bestandteile zerlegen. Muss ich auch nicht. Aber ich kann schmecken, dass der von Sara empfohlene Wein perfekt passt und der Koch genau wusste, was mit der Ente zu tun war.  

Die Tische stehen recht eng im „Petit Royal“ und doch hört man nicht zwangsweise, was nebenan gesprochen wird. Als Sarah den Teller mit den verbliebenen Entenknochen abräumt ist kein Tisch mehr unbesetzt. Am Nebentisch zwei Männer bei einem Negrino und einem Teller Suppe. Gundula fixiert mit auffallender Begeisterung das nachfolgende T-Bone Steak mit Süßkartoffel Pommes und einer grasgrünen Beurre Maître d`Hôtel. „Möchten Sie mal einen Bissen probieren?“ Der Mann bittet um Senf zum Steak und ich muss unwillkürlich an eine Freundin denken, die mit Liebe Marmelade auf ein Leberwurstbrot streicht.

Die Steine der mich umgebenden Mauer habe ich unterschiedlich in Farbe und Form und Festigkeit gewählt, das macht ihre Stärke aus. Fällt ein einzelner heraus ist nicht gleich das ganze Bollwerk in Gefahr. Doch wenn der Grund nicht trägt, hält auch die dickste Mauer nicht. Der nicht enden wollende Nebel wandelte den stützenden Grund ganz langsam in einen unsicheren Halt. Mein Fehler war, dass ich das zuerst nicht sah und dann auch noch erlaubte. Der geliebte Stein, der den todbringenden Nebel heraufbeschwor, fiel heraus und versank.

Gundula und ich reden und reden und es ist doch einfach ein ganzes Stück mehr, als dass wir uns einfach nur auf den neuesten Ereignisstand bringen. „Du scheinst so sicher jetzt in Deinem Weg“ sagt sie. „Nach unserem ersten Treffen vor gut drei Jahren dachte ich bei mir `Mein Gott, sie hat ja so überhaupt keinen Plan von dem, was nun kommen soll`“ Sie ordert noch den Karamelisierten Apfel mit Calvadoseis und Crumble und Sara legt fürsorglich auch mir einen Löffel hin. Am Tisch schräg gegenüber laben sich zwei junge Männer in eher ungewöhnlich nachlässiger Kleidung an frischen Austern und ich erinnere sofort diese Leichtigkeit im Kopf, wenn die Gedanken klar und strukturiert sind.

Es ist ein guter Abend, endlich wieder nach langer Zeit. Ich habe meiner Traurigkeit Ausdruck gegeben, ohne Verzweiflung und Wut. Ich sehe einen Weg vor mir, den ich gehen kann und ich kenne die Grenze, über die niemand ungestraft eindringen wird. Der Boden ist nur noch von Tränen nass, er trägt wieder. Und vielleicht gibt er mir irgendwann auch den geliebten Stein zurück, ich brauche ihn.

Das „Le Petit Royal“ ist in jedem Fall zu empfehlen: Fachlich perfekter unglaublich herzlicher Service (den Fauxpas zu Beginn habe ich vergessen können), Gaumengenuss pur und eine sehr entspannte Atmosphäre. Nur der Form halber sei zu erwähnen, dass es der „kleine Bruder“ des „Grill Royal“ ist, das in Punkto Freundlichkeit und Entspannung auf einem ganz anderen Level agiert.

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