Ein reizvoller Bilderrausch und dazwischen ein Kippenberger, Löwenpalais im Grunewald

Der Bilderrausch der Weihnachtsausstellung im Löwenpalais
Der Bilderrausch der Weihnachtsausstellung im Löwenpalais

Hinein, ins Löwenpalais – hintenrum

Für das herrliche Löwenpalais gibt es keinen mondänen Vordereingang, man benutzt ganz schlicht das schmale, hohe Seitentor und folgt dem gepflasterten Weg links vorbei am hellgelb gestrichenen Prachtbau, quert den asiatisch anmutenden Garten, steigt die wenigen Stufen empor und betritt durch die Hintertür direkt einen kleinen Salon. Auf den eng aneinander stehenden Sofas und Sesseln sitzen bei meiner Ankunft erst wenige Gäste vor ihrem Glas und betrachten unverhohlen neugierig jeden Eintretenden. Von oben nach unten langsam musternd streift mich ein arroganter Blick aus sehr sorgfältig, übermäßig auffällig geschminkten Augen über einem kirschroten Mund. Ich grüße die Dame mit einem sehr vertrauten Nicken und bekomme einen irritierten Gruß zurück. „Wer ist sie, dass sie uns grüßt?“ fragt die Dame sich und dann ihre Begleitung nervös und weiß mich nicht einzuordnen. Ich lächle sie noch einmal lange an, lasse meinen geliebten rosafarbenen Mantel langsam von der Schulter gleiten und platziere ihn galant über meinem Arm. Den jungen Mann an der Bar frage ich mit sehr sanfter Stimme, ob er denn wüsste, ob der Herr H. bereits da sei, ich wäre verabredet. Er verneint bedauernd und schiebt mir galant ein Glas Crémant herüber. Er hatte es sorgfältig eingeschenkt, während er mein Eintreten ebenso interessiert verfolgte. Offensichtlich haben alle noch viel Zeit. Ich schwöre, wäre da ein behütender männlicher Arm um mich herum, wäre all das nicht passiert.

Ich mag den kleinen Salon nicht sonderlich, er ist mir zu sehr Durchgang zwischen Eingangstür und den wirklich repräsentativen Räumen im vorderen Teil. Irgendwann später verstopfen Menschentrauben den einzigen gangbaren Weg. Die einen wollen hinein, die anderen heraus, die nächsten warten an der Bar auf ein neues volles Glas und wieder andere müssen sich genau hier unterhalten und umarmen. Das französische Flair an den Wänden kommt zudem etwas aufgesetzt daher, es passt irgendwie nicht zum schönen Löwenpalais.

Doch egal, ich habe nicht vor, mich hier länger aufzuhalten. Zum einen habe ich noch eine Verabredung mit dem altmodischen Erkennungszeichen „Blume am Revers“ und dann wartet nur einen Raum weiter der reizvolle Bilderrausch.

Die Petersburger Hängung – Überschwang pur!

Ich betrete den schönsten der drei Präsentationsräume und lasse mich einnehmen von der Flut der Werke an den hohen Wänden. In schönster Uneinheitlichkeit eng neben- und übereinander hängend erzeugen sie einen wundervollen Rausch von Farben und Stilen. 150 Kunstwerke und ebenso viele Künstler. Ich möchte die Arme ausbreiten, den Kopf in den Nacken legen und mich einfach nur im Kreis drehen und warten, bis sich das Bildermeer zu einem flatternden, farbenfrohen Band vereint.

Petersburger Hängung oder auch Salonhängung wird diese Art der Präsentation genannt. Einst sollte sie den Reichtum seiner Besitzer zeigen, sie wurde aber auch oft genutzt, um eine Vielzahl an Werken dem geneigten Käufer kompakt zu präsentieren. Die mittlerweile in zu vielen Galerien stattfindende sparsame Aufreihung der Werke meist eines einzelnen Künstlers langweilt mich zu oft. Man will den Fokus auf genau den Künstler und das Werk lenken, doch macht es uns diese Schlichtheit nicht zu leicht und einseitig in den Gedanken? Zwingt uns eine dargebotene  Vielfalt nicht eher Verantwortung auf, vielschichtiger zu denken, flexibler vor allem, Unterschiede wahrzunehmen?

Häppchen oder nicht?

So gern möchte ich nach einem der angebotenen Häppchen greifen: Tomate Mozzarella auf hellem Brot und gleich hinterher eines mit Lachs. Tatsächlich, ich habe richtiggehend Hunger, wahrscheinlich aus purer Unsicherheit. Wenn ich esse, muss ich mit niemandem lange und ausgiebig reden. Und genussvoll essen sieht noch immer besser aus als unwissend sein und trotzdem schlau gucken müssen. Denke ich und bin mir unsicher. Ich möchte mir einfach in aller Ruhe die Bilder ansehen, mich mit meiner Verabredung darüber unterhalten und dabei sollte möglichst keiner merken, dass ich von all diesen Dingen nur wenig verstehe. Ich bin kein Kenner, doch ich mag kunstvoll durchdachte Dinge, die den Ort, an dem sie stehen oder hängen, unvergleichlich machen.

Ich entscheide mich also für die Unsicherheit und greife zu den Schnittchen. Vom linken Raum wechsle ich durch den mittleren mit den für diese Ausstellung goldenen verkleideten Wänden in den ganz rechten, auch hier steht ein freundlicher Kellner mit einem Schnittchentablett. Das Glas Crémant habe ich mir sicherheitshalber auch noch einmal auffrischen lassen.

Von „Ausgezeichnet“ bis „Gewöhnlich“

Wahllos zunächst gleitet mein Blick über die Werke und sortiert schnell nach „Gefällt mir“ oder „Daumen runter“. Ist da ein Gesamteindruck, der sich festbrennt, ein Detail, das sofort begeistert? Von einem recht sicheren Gefühl getragen lasse ich mich animieren, habe die Orte im Kopf und kann ein Werk in Gedanken dort arrangieren.

Mich fasziniert ein sitzendes Mädchen im hochgeschlossenen, bauschigen Kleid. Ihr zartes Gesicht und ihre Arme haben die rot bewegte Farbe des Hintergrundes angenommen. Es erinnert etwas an die zeitgenössische chinesische Malerei mit den bezopften fröhlichen Mädchen, hier nur in der dramatischen Variante.

Im Nachbarraum zwei Werke, die mich ganz gegensätzlich beeindrucken. Das eine ist ein sogenanntes Nagelbild, doch im Gegensatz zu den Werken seines Erfinders Günther Uecker offenbart es uns nicht nur eine Bewegung in stahlgrau, sondern das perfekte, farbenfrohe Bild einer schönen jungen Frau. Schon wieder kirschrote Lippen. Das andere Bild zeigt den Kopf eine junge Frau, eine Zeichnung in schwarz und weiß und groben Strichen und entführt in die verruchten 20iger Jahre, so dunkel mystisch die großen Augen und gefährlich der langsame Wimpernschlag.

Ein späterer Anruf im Löwenpalais verdeutlicht noch einmal das Konzept dieser Weihnachtsausstellung. Jeder, ob Künstler oder Laie, kann sein Werk anmelden. First come – first served. Diese Nichtauswahl der Werke garantiert die besondere Mischung, löst die Präsentation ab von den bekannten, gut sortierten Ausstellungen und überlässt dem Betrachter vorurteilsfrei die Kritik. Und doch hätte ich mir für so manches Werk die fachkundige Beratung gewünscht, um dessen Vorzüge einfach gerechter darzubringen: gelegentlich ist es einfach der falsche Rahmen oder eben das Fehlen eines solchen. Aber das ist meine Sicht, der Künstler mag eine andere haben.

Und schon wieder Kirschrot

Inzwischen sind es doch recht viele Menschen, hier, beim heutigen Weihnachtsempfang. Ich warte auf Knut Hoffmeister, einen der ausstellenden Künstler, wir waren für 7 Uhr verabredet. Es ist fast 8 Uhr, er ist noch nicht da oder er hat die Blume vergessen und ich erkenne ihn nicht. Egal, es ist genügend Publikum zum Bestaunen anwesend. Die Meisten besehen sich die Bilderpracht, erlesen in den ausliegenden Zetteln Preis und Name von Werk und Künstler, scannen den beigefügten Code, um mehr zu erfahren. Die Idee mit einem solchen Code ist nicht schlecht, mich lenkt sie immer ein wenig ab und zu viele stehen und haben den Blick nach unten gerichtet auf ihr Smartphone, nicht in den Raum.

An einem der wenigen Hochtische sammelt sich eine kleine Gruppe Frauen, sehr schöne Frauen, junge und an Jahren ältere, sehr viel Pelz und kunstvolle Haare, elegante und auffällige Kleider. Und alle haben diese kirschroten Lippen. Ich schnappe Satzfetzen auf, doch es ist russisch, ich kann es nicht verstehen. Eine klangvolle Sprache, immer etwas hart und arrogant in der Tonation, doch das melodische darin besänftigt.

Neben mir eine sehr betagte Dame, eine Zweite nur an wenigen Jahren jünger. Sie betrachten sehr intensiv einzelne Werke, sprechen angeregt darüber und lassen sich fotografieren. Zwei Damen, die um ihre Ausstrahlung wissen.

Zwischen all den Damen ein noch fast junger Beau. Hellbrauner Anzug, verwegen halblanges Haar und immer im Gespräch mit ihnen. Ein Liebhaber? Ein Händler? Ein Künstler? Er sieht sehr wichtig aus, charmant auch, gar keine Frage. Aber ich komme nicht hinter seine Motivation und so viele Leute sind es dann doch nicht, als das ich ihm ständig unauffällig hinterher laufen könnte.

Knut Hoffmeister: Martin Kippenberger

Bei meinem ersten Besuch hatte mich das Werk des Experimentalfilmers Knut Hoffmeister sehr beschäftigt und ich war sicher, dass es perfekt zu einem meiner Bekannten passt. Am Ende hatte sich dieser aus unterschiedlichen Gründen jedoch nicht dafür entschieden.

Knut kommt zu spät aber mit der passenden Entschuldigung und mit der versprochenen Blume im Revers. Wir trinken gemeinsam ein Glas Crémant (wer mitzählt: es war bereits mein drittes, aber sie waren nur mäßig gefüllt.) und dann reden wir über sein Werk.

Es handelt sich – schlicht gesagt – um 3 übereinanderstehende Einzelbilder aus seinem Super8 Film Berlin/Alamo, (West Berlin 1979). Es ist die Szene, in welcher der deutsche Installationskünstler Martin Kippenberger in Gabys Bar in Charlottenburg einen Cocktail mixt, über dem kleinen Videoausschnitt fliegt das melodische „I can Booegy …“ von BACCARA. Natürlich degustiert der Kippenberger nicht irgendwie einen Cocktail, es ist eine ganz besondere Installation aus Glas im Glas und … „Ein Kippenberger besteht aus Farbe, C2H5OH & noch irgendwas … Augenfarbe der Freundin, Farbe Ihres Lippenstiftes … des Geldes …“. Gedreht hat Knut diese Szene einfach nur mit Sicht auf den Kippenberger, die einzige Bewegung kommt von ihm und der Gaby, die ins Bild kommt und den Zigaretten, die man damals noch rauchte. Es fühlt sich an, als wäre man mitten darin, könnte den kalten Rauch schmecken und den Alkohol schon riechen und all die Stimmen umher wären ganz real und heute.

Knut hat den Link zum Film mittels Scan auf dem Bild angebracht und ich teste die Funktion aus – klappt.

Würde dieses Bild an einer meiner Wände hängen – und ich wöllte es sofort – dann liefe bei jedem Ansehen oder Vorbeigehen der kleine Film in meinem Kopf und die schöne Discomusik aus einer noch schöneren Vergangenheit wäre im Raum. Wahrscheinlich hätte ich jedes Mal Verlangen nach einer Zigarette und einem Cocktail. Jedes Ansehen so ein kleiner herrlicher Rausch!

Knut kennt eine Menge Menschen hier und so gesellt sich C. zu uns. Wir postieren uns nahe der goldenen Wand mit unseren halbleeren Gläsern und die beiden erzählen mir wilde Geschichten von nicht vergessenen Sommern auf einem Gut in Frankreich, von endlosen Partys, Fässern voll Wein und anderen gedankenlos machenden Dingen, von Liebschaften, die selten lange hielten aber dafür umso exzessiver waren. „Weißt Du noch ….“ dieser Satzanfang fällt häufig und ich wünschte so sehr, ich wäre dabei gewesen. Die Erinnerungen haben die etwas verrucht diffusen Farben des kleinen Super8 Filmes. Und sie setzen sich fest in mir mit einem schönen Verlangen.

Später erzähle ich den beiden von meiner Idee, meinen eigenen Salon Èlodie aufzubauen und die sie  haben auch gleich eine Idee für mich … ich bin gespannt, vielleicht klappt es ja.

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Die Ausstellung ist noch zu sehen bis zum 29. Januar im Löwenpalais im Grunewald, eine Ausstellung der Stiftung Starke.

 

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