Eine Nacht in Berlin, 2 Männer, 3 Bar’s und der traurigste Ort der Welt

Alles in Ordnung, in der geheimen Bar zwischen Ku'Damm und Savignyplatz
Alles in Ordnung, in der geheimen Bar zwischen Ku'Damm und Savignyplatz

Vor zwei Wochen, in Paris, da wollte ich es mir ganz allein in einer Bar gut gehen lassen. Ein Gläschen Pernod trinken, Menschen gucken, vor mich hin träumen. Mein kleines Hotel lag in einer Seitenstraße zwischen Montmartre und Pigalle, an Bars gab es somit keinen Mangel. Und so zog ich herrlich aufgeregt los in einem netten, hochgeschlossenen Kleidchen im grün-schwarzen 70iger Jahre Muster und viel freiem Bein über hochhackigen Schuhen. Doch nirgendwo fand ich wirklich herzlichen Einlass. Die augenscheinlich freien Tische waren angeblich bereits reserviert und wenn ich Glück hatte, dann zeigte ein ignoranter Arm irgendwo nach hinten in die Ecke zu einem unattraktiven Katzentisch. Völlig irritiert kaufte ich mir schließlich an einem Imbiss eine Flasche Champagner, schloss mich in meinem winzigen Hotelzimmer ein und weinte imaginäre Tränen über dieses ablehnende Verhalten der sonst so geliebten Stadt.

Zurück in Berlin packte mich der Ehrgeiz: was ist denn schon Paris! Hier, in Berlin, gibt es für mich genau die eine Bar, die mich nicht langweilt mit ihrer glatten Haut und mich nicht abstößt mit ihrer Geschmacklosigkeit. Ich muss nur losgehen und sie finden! Für die Suche nahm ich mir gleich zwei Herren mit, wenn ich dann doch wieder weinen muss, habe ich wenigstens gleich 4 tröstende Arme, dachte ich. Statt des Kleides wählte ich für den Abend eine schmal geschnittene, nachtschwarze Hose und ein elegantes Top. Vielleicht lag es ja in Paris am Kleid. Nicht seriös genug oder zu kurz oder so. Trotz allem High Heels, keine Frage.

22:08, Times Bar, Hotel Savoy, Fasanenstraße

Der Einfachheit halber begannen wir in der „Times Bar“ im Hotel Savoy. Da kann man sich drauf verlassen, das die Drinks gut gemixt sind und das Publikum gediegen. Und überhaupt geht es mir da immer gut. Es hat noch immer diesen kleinen Hauch von Verruchtheit, auch wenn die mondän den Platz versperrenden Sessel leicht abgegriffen sind und die in die Jahre gekommenen Damen unter den kurzen Röcken eine dicke Strumpfhose tragen. Wir bestellten Negrino und El Presidente und Whiskey Sour und kauften uns jeder eine kubanische Zigarre in passender Dicke. Ich weiß, mir wird von so etwas meist etwas unwohl, aber allein das Gefühl war es allemal wert und so bekämpfte ich den aufkommenden leichten Schwindel mit einem zweiten Glas Negrino. Diese nachfolgende Bestellung wäre sowieso nötig gewesen, raucht man doch recht lang am luxuriösen Stumpen. Auf ausgiebige Beobachtungen meines Umfeldes oder tiefschürfende Gespräche hatten wir alle drei an diesem Abend keine Lust und so räkelten wir uns in den Lederpolstern und probierten uns am Erschaffen von Rauchringen. Damit benahmen wir uns deutlich auffälliger als die meisten anderen Gäste, doch man wies uns nicht zurecht und schickte auch keine bösen Blicke. Man kann es zusammenfassen: wir hatten ungetrübten Spaß.

00:13, Eine Bar zwischen Ku’Damm und Savignyplatz

Ich erinnere einen Kneipenbesitzer in Neukölln, der völlig verzweifelt den Zustrom eines lauten und gierigen Touristenvolkes beklagte, nachdem seine echt coole Kneipe im Reisebericht einer eifrigen Journalistin zum Geheimtipp erklärt wurde. Darum nur so viel: in der geheimen Bar gab es keinen einzigen Touristen, dafür einen kleinen, sehr charmanten Gästekreis zwischen Ende 40 und Anfang 70 aus den umliegenden Häusern, gekleidet zwischen auffallend schick und gewollt elegant. Da gab es alleinstehende Damen, unablässig suchend den Kopf drehend und aufrecht auf dem Barhocker wartend, korrekt Discofox tanzende Herrenpärchen und großwortig diskutierende Klugköpfe. Und uns. Wir tranken passend zum Ambiente Aperol Sprizz und wünschten uns die lang tragende Version „La Mer“ von Charles Trénet, um gemeinsam eine eher komisch tragische Tanzversion zu zelebrieren. Der französisch sprechende Barmann freute sich über jede Bestellung und jedes Wunschlied so sehr, dass sein schöner großer Mund unablässig lachte. Er stelle Plätzchen und einen Dipp vor uns, der mehr als heftig lecker nach Knoblauch schmeckte, später kam dann  noch ein Tablett mit Schnittchen an uns vorbei, man braucht ja eine Grundlage. Irgendwie wehte in dieser geheimen Bar so ein kitschiger Hauch Romantik. Schön!

3:38 Uhr, Gainsbourg, S-Bahn Bogen Savignyplatz

Man soll das Schöne nicht ausreizen und so lösten wir uns aus dem rosaroten Nebel und zogen weiter. Das unweit gelegene „Gainsbourg“ ist eine Bar, die in den vergangenen Jahren immer mehr an Profil verlor und jetzt noch dazu taugt, das verschwommene Ende einer langen Nacht zu umrahmen. Vielleicht gingen wir auch hinein, weil wir auf Besserung hofften. Doch die Musik gab auch in dieser Nacht nicht her, was der Name verspricht und ein Frau á la Jane Birkin war nicht einmal im Ansatz zu sehen. Das Publikum ist heftig gemischt, neben eindeutig kaufbaren Damen sitzt der lautstarke Studentenausflug aus Südengland und am Hochtisch neben der Bar diskutieren Männer in Anzug und Schlips. Obwohl es um diese Zeit ein Raucherlokal ist, haben sich an den Tischen draußen vor der Tür zwei ältere Herren mit Rotwein und Zigarette niedergelassen und führen ein offensichtlich inhaltsschweres Gespräch. Sie sehen interessant aus mit ihren langen, grauen Haaren – die Mähne des einen warm und dick auf kräftigen Schultern, der dünne Pferdeschwanz des anderen mahnt an die Lieblosigkeit des Philosophen. Sie scheinen das traurige Überbleibsel der einstigen schönen Gästeschar zu sein. Wir vertreiben uns die Zeit mit Weißwein, schauen gelegentlich irritiert auf das ungehobelte Benehmen der Studententruppe neben uns und ergehen uns aufgeregt in doch eher belanglosen Gesprächen. Am Ende der Nacht eben.

Ein PS im Absatz sei erlaubt: der Service war ausgezeichnet!

5:46 Uhr, Imbiss-Stand am Bahnhof Zoo

Wären wir jünger und ungesitteter, dann hätten wir auf unserem Heimweg wahrscheinlich unanständige Lieder gesungen. Doch wir blieben manierlich und schlenderten schön beschwingt und in jedem Fall sehr albern vor zum Bahnhof Zoo. Wir brauchten Luft und Kaffee und unsere Mägen etwas Fettiges. Das „Schwarze Kaffee“ war für einen kurzen Moment in unseren Gedanken, doch ein Blick hinein zeigt uns traurig hängende Köpfe oder verliebte Körper, die umeinander gewunden alles um sich herum vergaßen. Die Luft war hier auch so bissel verschnupft.

Nur an einem Bahnhof und in einer sehr frühen Stunde an einem Sonntag beobachtet man diese nackte, ungeschönte Wahrheit. Unter Deckenstapeln und Kartons und Schlafsäcken weiß man die müden, kaputten Gesichter der Obdachlosen. An den Stehtischen streiten oder grölen oder stieren die hemmungslos Berauschten. Gelegentlich schmiegt sich ein Pärchen eng nebeneinander, das keinen anderen Platz gefunden hat als diesen. Die Luft ist getragen von latenter Gewalt und absoluter Tristesse. Es riecht nach Elend und Abfall und Mutlosigkeit. Ich fragte mich, ob die Verkäufer in den Imbissbuden regelmäßig zur Gesprächstherapie gehen oder sich mittels eines schönen Rausches täglich in den Tagesschlaf bringen.

Ich habe vergessen, welchen Imbiss Stand wir wählten und auch, was wir aßen, irgendwie war es mir auch egal. Mir war kalt und ich war müde und ich wollte einfach nur fort!

#berlin #nachtlebenberlin #bahnhofzoo

 

Show Buttons
Share On Facebook
Hide Buttons